Das Institut 1933 - 1945

Das Institut 1933 - 1945

Die Forschung des Max-Planck-Instituts für medizinische Forschung wird seit der Gründung 1927 als Kaiser-Wilhelm-Institut für medizinische Forschung von herausragenden Persönlichkeiten und exzellenter Wissenschaft an der Schnittstelle zwischen klinischer Medizin, Physik, Chemie und Biologie geprägt. Dennoch haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Jahren 1933 bis zum Kriegsende 1945 an kriegsrelevanter Forschung beteiligt. Wir möchten uns diesem Kapitel unserer Institutsgeschichte daher gesondert widmen und setzen uns für die Aufarbeitung der Geschehnisse ein. Sie erhalten im Folgenden einen Überblick über die Entwicklungen am Institut in dieser Zeit. Wir erheben hierbei keinen Anspruch auf Vollständigkeit und verweisen Sie für detaillierte Nachforschungen auf Literatur verschiedener Wissenschaftshistoriker.

Die ersten Jahre nach der Machtergreifung und die Flucht Meyerhofs

Zum Zeitpunkt der Machtergreifung 1933 stehen den vier Teilinstituten des KWI für medizinische Forschung Otto Meyerhof (Physiologie), Richard Kuhn (Chemie), Walther Bothe (Physik) und Ludolf von Krehl (Pathologie) als Direktoren vor. Aufgrund des steigenden politischen Drucks werden in den folgenden Jahren 22 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem Institut vertrieben, darunter wissenschaftliche Assistenten und Studierende. Besonders Gründungsdirektor Otto Meyerhof steht unter Druck, da er Jude ist. 1938 flieht er und verlässt Deutschland über die Schweiz nach Paris und 1941 weiter nach Philadelphia.

Gedenken an die vertriebenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Richard Kuhn – brillante Wissenschaft und moralische Verfehlungen

Kuhns wissenschaftlicher Erfolg nimmt immer weiter zu, weshalb es ihm nicht an finanzieller Ausstattung mangelt. Er macht wenige politische Aussagen und wird nie Mitglied der NSDAP, unterzeichnet Briefe jedoch mit „Heil Hitler“. Parteidienststellen bezeichnen seine Einstellung als zurückhaltend aber „eher positiv“ gestimmt. 1936 denunziert er Otto Meyerhof gegenüber der Generalverwaltung der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, weil dieser weiter jüdische Mitarbeiter beschäftigte (Bild Brief). Meyerhof selbst wirft Kuhn nach Kriegsende 1947 in einem Schreiben an die amerikanische Militärregierung in Heidelberg keine „nationalsozialistische Überzeugung“, sondern vielmehr „Angepasstheit und Charakterschwäche“ vor (Bild Brief).

Am 17. November 1939 erhält Kuhn nachträglich den Nobelpreis für Chemie 1938. Nach politischem Druck durch das Regime lehnt er den Preis jedoch ab, da es deutschen Wissenschaftlern seit 1937 untersagt ist, den Nobelpreis anzunehmen (Bild Ablehnungsschreiben).

Die wissenschaftliche Isolation vom Ausland wird weiter auf die Spitze getrieben durch umfassende Reise- und Kommunikationsverbote. Auch die finanzielle Unterstützung für Forschungsvorhaben nimmt deutlich ab. Durch seine Beziehungen zur IG Farben kann sich Kuhn zumindest bis 1941 ein hohes Maß an finanzieller Unabhängigkeit erhalten. Für Finanzierung durch das Regime müssen Projekte inzwischen verschiedene Bedingungen erfüllen. Nach Beginn des Krieges sollen sie entweder einem militärischen Zweck dienen oder der Bevölkerung als Ganzes nutzen. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, lenkt Kuhn seine Forschung von natürlichen Pigmenten und Vitaminen hin zu einer spezifischeren Medikamentenforschung und beschäftigt sich nun intensiv mit antibakteriellen Wirkstoffen. Er verpflichtet sich so zu kriegsrelevanter Forschung. Als Präsident der Deutschen Chemischen Gesellschaft (Bild Dokument Bestimmung?) gelingt es ihm außerdem, viele seiner laufenden Projekte unter neuen Bezeichnung weiter zu verfolgen. Er nutzt seinen Einfluss auch, um seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor dem Einzug in die Armee zu bewahren (Bild Schreiben dazu).

Schon vor Kriegsbeginn hatten einige Assistenten Kuhns an der Erforschung von Senfgas gearbeitet. 1941 wird dann unter Kuhns Anleitung eine Abteilung zur Erforschung von Kampfstoffen eingerichtet. 1944 entdeckt Kuhn gemeinsam mit Konrad Henkel das bis dahin wirkungsvollste Nervengas – Soman (Bild Bericht?). Als Fachspartenleiter für organische Chemie im Reichsforschungsrat (seit Oktober 1939, Bild Bestellung Dokument?) vergibt er außerdem Gelder für andere Projekte zu chemischen Massenvernichtungsmitteln.

Walther Bothe – Kernphysikalische Forschung und der Uranverein

Walther Bothe wird 1933 als Nachfolger von Karl Wilhelm Hausser an das Institut berufen und leitet dort das Teilinstitut für Physik. Er untersucht künstliche Kernumwandlungen und deren Nutzen für die biologischen Anwendungen künstlich radioaktiver Stoffe.

1939 wird Bothe Mitglied des geheimen Uranvereins (Bild Dokument?), der die Möglichkeiten atomarer Sprengkörper erforschen soll. Für die Schaffung einer solchen Waffe fehlen damals in Deutschland viele Ressourcen. Außerdem sind viele relevante physikalische Fragen noch nicht geklärt. Eines der großen Hindernisse für das Projekt ist der Mangel an Uran. Bothe wird deshalb die Aufgabe übertragen, das vorhandene Uran aufzureinigen und anzureichern. Da ihm keine geeigneten Methoden zur Verfügung stehen und das Projekt insgesamt nicht voranschreitet, wird die Schaffung eines atomaren Sprengkörpers immer unrealistischer. Bothe soll dennoch die Energieverhältnisse untersuchen, wenn Neutronen auf die Kerne des Urans treffen. Trotz seiner starken Ablehnung des nationalsozialistischen, antisemitischen Denkens beteiligt sich Bothe so an kriegsrelevanter Forschung.

Kriegsende 1945

Am 30. März 1945 marschieren die amerikanischen Truppen in Heidelberg ein und besetzen unter anderem das KWI für medizinische Forschung. Sowohl Bothe als auch Kuhn werden zunächst Untersuchungen unterzogen, dann aber vollständig und erfolgreich denazifiziert. Sie erhalten beiden Professuren an der Universität Heidelberg und können ihre Forschung - zunächst stark eingeschränkt - fortsetzen. Dennoch fällt der Wiederaufbau eines forschenden Instituts in der Nachkriegszeit schwer. Es fehlen die Mittel und vor allem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, da das Institut nur geringe Löhne zahlen kann. Die „Platzkämpfe“ am teilweise durch ein Aero Medical Center der Amerikaner besetzten Instituts und der geringe Mitarbeiterstamm sorgen noch bis 1952 für Gerüchte über eine mögliche Schließung des Instituts.  Sowohl Walther Bothe als auch Richard Kuhn bleiben bis zum Ihrem Tod Direktoren am (dann) Max-Planck-Institut für medizinische Forschung.

Empfohlene Literatur: (Bücher, Artikel, etc.)

Quellen:

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