"Wie die Zahnräder in einem Wecker"

Jochen Reinstein, Forschungsgruppenleiter "Protein Assembly", über seinen Weg in den Naturwissenschaften - ein Interview

15. Januar 2020
Forschungsgruppenleiter Jochen Reinstein

Was hat dein Interesse zum ersten Mal auf die Wissenschaften gelenkt?

Schon als kleines Kind wollte ich immer genau wissen, wie die Dinge funktionieren und was dahintersteckt. Da musste dann schon mal der Wecker dran glauben. Der wurde auseinandergebaut, aber ich habe ihn damals nicht wieder zusammen bekommen. Meine Eltern haben versucht, diese Energien mit Kosmos Experimentierkästen sinnvoll zu bündeln. Am meisten Spaß hatte ich dabei sicherlich mit dem Chemiebaukasten und den vielleicht vom Hersteller so nicht vorgesehenen pyrolytischen Experimenten.

 

Wo und was hast du studiert und wie ging es nach dem Studium weiter?

Ich habe zuerst hier in Heidelberg mein Diplom in Biologie gemacht, auch wenn mich die Biochemie schon immer mehr gereizt hat. Nach der Promotion bei Alfred Wittinghofer über den Mechanismus der Adenylatkinase in der Abteilung von Ken Holmes hier am MPI für medizinische Forschung bin ich als Postdoc an die Brandeis University in Boston gegangen und habe dort mit William P. Jencks an der Calcium-Pumpe des sarkoplasmatischen Retikulums gearbeitet. 1992 bin ich zur Max Planck Gesellschaft zurückgekehrt und wurde Gruppenleiter in der Abteilung von Roger Goody am MPI für molekulare Physiologie in Dortmund. Dort habe ich zum ersten Mal etwas Eigenes aufbauen können und mich ab da hauptsächlich mit molekularen Chaperonen und Proteinfaltung beschäftigt.

Wie bist du auf dein jetziges Forschungsthema gekommen?

Molekulare Motoren und die Anordnung und Faltung von Proteinen sind Themen, die mich schon immer begleiten, sogenannte Assembly-Prozesse. Während ich mich vor einigen Jahren noch mit der Faltung einzelner Proteine und molekularen Chaperonen beschäftigt habe, liegt mein Schwerpunkt heute auf der Betrachtung übergeordneter, sogenannter supramolekularer Prozesse.

 

Deine Forschung: Einfach und zusammengefasst?

Ich untersuche, wie sich biologische Strukturen ausbilden und molekulare Funktionen ermöglichen.

Das ist vergleichbar mit den Zahnrädern, die ich früher in Weckern untersucht habe, nur, dass es hier um das Zusammenspiel von Atomen und Molekülen geht. Leider ist es aber immer noch so, dass wir diese Teile nicht immer funktionell zusammensetzten können.

 

Was fasziniert dich an diesem Thema so sehr?

Wenn wir konzeptionell wirklich verstehen, wie Dinge funktionieren, also z.B. molekulare Maschinen und Komplexe, können wir daraus Neues entwickeln.

 

Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei dir aus?

Inzwischen verbringe ich viel Zeit im Büro – auch weil die Bürokratie immer mehr zugenommen hat. Ab und zu schaffe ich es aber auch noch ins Labor. Momentan ist meine Gruppe so klein, dass das sogar häufig vorkommt.

Was gefällt dir an unserem Institut am besten? Warum hast du dich für das MPI und Heidelberg entschieden?

Ich mag besonders das denkmalgeschützte Gebäude. Es atmet Geschichte und fühlt sich an wie Zuhause. Im Vergleich zu neueren „Betonklötzen“ ist es auch einfach gemütlich. Außerdem ist es mit seinen zwei (max. 3) Stockwerken sehr flach. Dies fördert die Interaktionen mit anderen Gruppen ungemein, da weniger Treppen oder Aufzüge im Weg stehen. Nach meiner Erfahrung tendieren Wissenschaftler eindeutig mehr zur horizontalen als zur vertikalen Diffusion.

Ich habe nie bereut, nahezu mein gesamtes Forscherleben bei der Max Planck Gesellschaft verbracht zu haben. Die Freiheit und die Möglichkeiten sind wirklich einzigartig.

 

Welchen Rat würdest du jungen Wissenschaftler*innen geben, die in deinem Forschungsgebiet einsteigen?

  1. Entscheide dich, steh dazu und kämpfe für deine Ziele. Harte Arbeit gehört dazu, und nicht wenige Rückschläge einzustecken auch. Umso grösser ist anschließend die Befriedigung, wenn es dann doch klappt.
  2. Höre nie auf, deine Projekte und deinen Fortschritt zu hinterfragen.

 

Was wäre dein Rat an junge Wissenschaftlerinnen?

Netzwerken, verbindet euch mit anderen Wissenschaftlerinnen und baut starke Beziehungen auf.

 

Was sollte Wissenschaft für die Gesellschaft leisten?

Wissenschaft sollte grundlegende Erkenntnisse generieren – wortwörtlich Wissen schaffen – das andere Akteure nutzen können, um damit Neues zu generieren und möglichst Gutes zu tun. Leider geht die Möglichkeit des Missbrauchs damit einher.

 

Welche Information über dich würde Andere überraschen?

Mein Alter vermutlich;  ich werde meist 10 Jahre jünger eingeschätzt. Damit haben sich Studenten schon ins Fettnäpfchen gesetzt, die dachten ich sei ein Kommilitone und frei über „überflüssiges Wissen“ gelästert haben. Sie waren sehr erstaunt, als ich aus der Reihe vor ihnen aufstand, um die Vorlesung zu halten. Doch dies ist zugegebenermaßen auch eine Weile her….

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